Ein Jahr im Brief — Briefe, Heimat, Leben
»Das Papier ist ein so ungetreuer Bote, daß er den Blick, den Ton vergießt, und oft sogar einen falschen Sinn überbringt, – und doch ist selbst der Kampf mit Irrungen beßer als die fürchterliche Oede, die kein Ton durchhallt.«
— Sophie Mereau an Clemens Bentano, November 1799
06.11.2010
»So bleibt dieser Teil, also der Anteil dessen, worüber zu reden wäre, allein bei mir. Und das geht wohl letztendlich nicht gut aus.
Mein gefühlvolles Leben findet daher auch eher im Manuskript als im Alltag statt. So wird die Sehnsucht Prosa.
Literatur, so ich denn überhaupt welche hinbekomme, ist aber wohl noch ein guter Ort dafür, das aus seinem Inneren zu entsorgen, von dem man sonst nicht weiß wohin damit.«
Der private – oder freundschaftliche Briefwechsel lässt den Autor zu einer Autonomie finden, die ihn von ständischen Zwängen loslöst und ihm Raum gibt, seine eigene Welt ausreichend zu reflektieren und nach außen zu repräsentieren, ihn von seiner »Entdeckung der Einsamkeit« zu entlasten.
24.01.2010
»Ihr geht es nur um Nähe. Alles ganz vegetativ und verdammt einfach. Ich besorge eine Flasche Portwein und zwei, drei
sehr innige Stunden beginnen dort in der Abgeschiedenheit, wo wir schon einschneiten.«
In der Realität und im Alltäglichen verhält sich der Raum, die Welt, unser Leben, äußere Einflüsse
und Gegebenheiten konträr zu unserem inneren Gefüge – Zeit und Raum balancieren in uns im Takt unseres Selbst, unserer Wahr-nehmungen, Stimmungen, Gefühle und im Resultat eines prägenden Miteinanders – eine eigene Welt, die ihre eigene Geschwindigkeit lebt und sich im individuellen Gleichgewicht austariert, eigenen Motivationen folgt, persönliche Werte vertritt und sich die meiste Zeit versucht einzufinden in eine den eigenen Kosmos umhüllende sogenannte reale Welt, aus der Notwendigkeit des Lebens, sich in den vorgegebenen Rhythmus der Welt ein– beziehungsweise anzupassen.
21.04.2010
»Ich bin nur nicht glücklich, was man, weiß ich, nicht immer sein kann, schon gar nicht, wenn man sich die Umstände gegen das eigene Empfinden einrichtet.
Empfinden und Intuition – das ist schon viel, das gibt einem schon die richtigen Signale.«
Briefe ermöglichen eine Entschleunigung, eine Abgrenzung, sind frei von Regeln und Reglementierungen. Sie geben dem Seelenleben Freiheit zum Atmen, Ruhe und Zeit sich zu besinnen, sich beim Denken zu belauschen, sie schließen die Tür hinter Trubel und Lärmereien, lernen uns erkennen und reflektieren und nehmen die Angst, etwas vermeintlich Falsches zu sagen, ermöglichen uns unsere eigene Klarheit im Prozess des Schreibens zu finden und den Mut, diese auf dem Papier festzuhalten.
12.05.2010
»Es ist alles in ORDNUNG, aber es ist nichts ANZIEHEND.«
Im Schreiben kommt es zu einer gefühlten Auflösung der Einsamkeit und der imaginären Stille der Gedanken – ich teile meine Gedanken, auch wenn niemand zuhört. Es ist die Möglichkeit seine Gedanken zu teilen, ohne sie zu verlieren, eine Sicherheit zum einen, eine Freiheit im Schreiben zum anderen.
08.11.2010
»Ich entferne mich, obwohl ich als liebevoll gelte, einfach von allen.«
18.11.2010
»Und wir beide merken wohl, dass das ziemlich armselig ist, diese kleine würdelose 'Konspiration in der Endmoräne'.«