Auf Reisen war ich fasziniert vom Licht und seinen Schatten das sich über die Ebenen, Felder und Wiesen legte, dass sich in den Wald schlich und Hügelflächen sanft bedeckte.
Eines Tages zog mich ein Schatten in seinen Bann; ich wollte den Schatten einfangen, doch ich hatte keine Kamera bei mir. Am nächsten Tag kehrte ich zu dem Ort zurück, zu gleicher Tageszeit und zu, wie ich empfand, gleichen Lichtverhältnissen. Doch er war fort – kein Schatten war zu finden.
Dieses Moment, dieses Erleben des Flüchtigen brachte mich dazu mich intensiv mit Schatten auseinander setzen zu wollen.
Sein Debüt hatte der Schatten der Kunstgeschichte in der Neuzeit. Mensch und Raum durften jetzt anders als im Mittelalter wieder realistisch, körperlich wiedergegeben werden. Der Schatten stand für die Freiheit, das irdische Leben wirklichkeitsnah darzustellen. Während die Renaissancemaler die Sonne als Lichtquelle nutzten, diente den Barockkünstlern vorzugsweise die Kerze als solche. Sie wurde nahe am Menschen platziert und beleuchtete sein Gesicht, die übrigen Bildpartien verliefen in die Dunkelheit. Bis ins 19. Jahrhundert entwickelte sich die Verwendung des Schattens in eine andere Richtung. Anstatt dem Gemälde mehr Realismus zu verleihen wie in der Renais-sance oder den Schatten in einen scharfen Kontrast zur Lichtquelle zu setzen, wie im Barock,
wurde der Schatten den Malern nun zu einem Instrument, um unheimliche, gespenstige Atmos-phären zu schaffen. Im 20. Jahrhundert war es vor allem der deutsche Film des Expressionismus, der dem Schatten wieder magische Kraft verlieh.
Schatten ist der Anfang, der Anfang von Etwas das Entstanden ist, das Geleit der Existenz, allgegenwärtige Auferstehung, das Gegenstück des Lichts, ist Erinnerung – Reflexion einer Sache, einer Begebenheit, ist Identität, Yin und Yang, Spiegelbild, Seelenzustand, Über-Ich, Imagination, Begleiter, Geschichte und Zukunft.
Das Bedürfnis ein flüchtiges Moment einzufangen, einen Beleg für seine Existenz und Schönheit zu erlangen, wird durch fotografische Dokumentationen erreicht. Nicht von der Fotografie als Vorlage, sondern von dem Beleg wird ausgegangen um sich frei und intim dem Schatten, dem persönlichen Abbild des Schattens anzunähern.
Der Schatten ist lediglich der Widerschein etwas Materiellem, was aber selbst nicht materiell ist. Um Widerscheinen, Erscheinen zu können, benötigt er das Objekt, die Materialität von Etwas anderem. Seine Existenz wird durch Existenz bedingt.
Ich möchte das Gedächtnis des Schattens sein, (s)eine Geschichte erzählen, seiner Erinnerung nachspüren – sie einfangen und in Zeichnungen beschreiben.
Da das Licht die Bedingung für das Vorhandensein aller Schatten ist, steht der Schatten gewissermaßen stets im Schatten des Lichts.
Ich möchte den Schatten aus seinem »Schattendasein« befreien um ihn durch Licht ins Licht des Betrachters zu rücken.