Ein Jahr im Brief — Briefe, Heimat, Leben
17.03.2011
»Und, wie es Deine Art ist und wie Du zum Glück so bist, Du legst zu den vielen guten Wünschen einen surrealistischen Spaß hinzu, einen ganz anderen Regenbogen und "einen Propeller für Seiltänzer in Not".«
12.06.2011
»Bäume besonders habe ich wohl allzeit bestaunt, knorrige Kiefern und ragende Donglasien, und jedes Jahr seines Lebens wartet man auf das im Sonnenlicht flirrende Birkenlaub, sein unbeschreibliches Grün, und steht in Andacht vor der erblühten, betäubend duftenden Linde. Und vollends betäubt mich dann das Bienengesumm, es trägt mich fort wie in einem Traum von Kindheit und Jugendzeit. Da lag ich wohl zur Pfingstzeit gern rücklings im Kleegras auf unserem Schulacker, sah die weißen Wolken unter hohem Himmel wandern und sich verformen und spähte nach einer Lerche, die just höher und höher stieg, dabei immerfort jubilierend, bis sie, kaum mehr sichtbar doch endlich schwieg und nun fiel, rasch und in Schüben, zurück in ihr verborgenes Nest.«
»[V]erwelkte gelbe Blüten/zwischen Seite und Seite« (Robert Browning: »Pippa Passes«) – der Brauch, eine »Verwandtschaft mit dem Tod«, als »eine der aufregensten dem Schreiben inhärenten Paradoxien […].« Eine Lebendigkeit im Prozess des Schreibens in der Verbindung zwischen Autor und Text, die ihr Ende im Abschluss des Textes findet; einer Trennung von Autor und Schriftstück, ein Ableben der Agitation, ein letzter Atemzug nach dem Schlusspunkt, dem Austrocknen der Tinte. Dieser mit »gelben Blüten« versinnbildlichte Tod, der Abnabelung der Schrift vom Autor und der Welt im Zustand der »Gefangen-schaft« im Text ermöglicht jedoch erst das »Weiterleben« in der Möglichkeit der Weitergabe und Reproduzierbarkeit des Inhalts an einen Leser, beziehungsweise weitere Leserschaften; eine Kommunikationsinstanz von Ideen – manifestiert in Schriftlichkeit – mit dem Gegenüber, trotz der Abspaltung von Autor.
— nach Walter J. Ong. Oralität und Literalität – Technologisierung des Wortes. Westdeutscher Verlag, 1987