Ein Jahr im Brief — Briefe, Heimat, Leben
»Die Frühblüher in den Gärten sind spät dran in diesem Jahr. Der kalte Norden!
Forsythien stehen in der großen Vase, auch Tulpen, pastellfarben, gefranst auch.«
Zeit ist Veränderung oder auch Abfolge von Ereignissen, die uns unser menschliches Bewusstesein vermittelt und "Wahrnehmung, Gedankenprozesse, Erinnerungen, Zeitgefühl und Bewusstsein [sind] im Menschen so eng miteinander verknüpft [sind], dass sie im Erleben normalerweise nicht getrennt werden können. Die Zeit, Gedanken und das menschliche Bewusstsein erscheinen also nur gemeinsam."
"Nach Augustinus´ Confessiones sind Vergangenheit nur Erinnerungen und Zukunft nur Erwartungen in der Gegenwart."
— Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus. Übersetzung von Otto F. Lachmann. Leipzig, Verlag v. Philipp Reclam jun., 1988
01.05.2011
»Bestimmt entgeht Dir nicht, dass ich heute mit Feder und Tinte schreibe – in der Volksschule bei meinem Vater so gelernt, zu Olims Zeiten; ungewohnt heute, aber, wie ich jetzt fühle, nicht übel.«
31.07.2011
»So mit Bedenken und Bedacht zu lesen, zu schreiben, immer auf der Suche nach dem Treffenden, Gültigen, das ist tiefe Anstrengung, in die man versinkt, in der man sich auch absperrt gegen Anderes, Äußeres. Richtig so!«
In den Briefen Kafkas an Felice Bauer, die sich in einem Zeitraum von fünf Jahren – vom 20. August 1912 bis
zum 16. Oktober 1917 – erstrecken, offenbart sich ein »Seelenzeugnis« Kafkas vor der Welt und sich selbst.
In sich zurückgezogen und sich selbst größtenteils in dem Schutzraum der eigenen vier Wände – einem Ort der Ruhe, der Arbeit und der »schönen Einsamkeit« – verbarrikadierend, verwaltet, beurteilt, betrachtet und beschreibt Kafka die Welt, das Leben und seine Mitmenschen aus einem omnipräsenten Blickwinkel; er spielt den Zaungast, den stillen Beobachter, sich jederzeit den Rückzugsweg freihaltend.
02.03.2011
»Aber es gefällt mir, wie Du Deine Neigung zum Stillen und Natürlichen ausdrückst. Und dort, in der Natur, findest Du auch die Farben. Noch, jedoch, sind da zum Glück die Räume, in die man sich zurückziehen kann, stille Räume, denen man sich mit allen Sinnen gar anverwandelt.«