Ein Jahr im Brief — Briefe, Heimat, Leben
»Die Minen sieht man nicht. Es heißt, dass Bosnien erst 2070 entmint sein wird.«
In dem menschlichen »In der Welt sein« erfahren wir in der Ausrichtung auf die Zukunft – in unserem vorwärtsgewandten Streben – Zeit als prägende Wirklichkeit, die unser Dasein umschließt. Allein der Tod beendet das Vorhandensein von Möglichkeiten und begrenzt beziehungsweise beendet die Wahrnehmung der Zeit für den Menschen und markiert damit einen zeitlichen Rahmen – ein Zeitfenster von der Geburt bis zum Tod – wobei sich zu Beginn, von der Entwicklung vom Säugling hin zum Erwachsenen, das Zeitbewusstsein von einer rein zeitlichen »Lebensgegenwart« hin zur Zeiterfahrung und Zeitreflexion durch die Vorstellung von Vergangenem und Zukünftigen ausbildet.
13.06.2011
»Da sitzt man nun also in diesem Boot und schaut auf den Fluss, für dessen Farbe es keine Worte gibt; auf die kleinen Strände, die es immer wieder an den Ufern gibt, auf Wasserfälle und natürlich in die Höhe, von der einem fast schwindlig werden könnte!«
Die Wahrnehmung und Empfindung an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit ist immer relativ – nicht wiederholbar, unwiderbringlich »eingefroren« in die »Istzeit« des Moments, unmöglich zu archivieren, festzuhalten und in ihrer Wahrhaftigkeit wiederzugeben. Alles an Reflexion in dem Moment ist bloße verwaschene Erinnerung – bleibt ein Versuch, eine Bestrebung, ein Hineinversetzen in einen vergessenen, verflossenen Zustand, der durch die Aufarbeitung, durch den Versuch sich wieder hineinzuversetzen in die dort an diesem Ort, zu dieser Zeit vorherrschenden Stimmung, allein verschwommen – wie durch eine unscharfe Brille – wiedergegeben werden kann.
13.06.2011
»Aber ein schönes Kleid muss ich mir natürlich kaufen, allerdings kein Weißes.«