Ein Jahr im Brief — Briefe, Heimat, Leben
06.11.2010
»So bleibt dieser Teil, also der Anteil dessen, worüber zu reden wäre, allein bei mir. Und das geht wohl letztendlich nicht gut aus.
Mein gefühlvolles Leben findet daher auch eher im Manuskript als im Alltag statt. So wird die Sehnsucht Prosa.
Literatur, so ich denn überhaupt welche hinbekomme, ist aber wohl noch ein guter Ort dafür, das aus seinem Inneren zu entsorgen, von dem man sonst nicht weiß wohin damit.«
Der Prozess des Schreibens kann zum »Surrogat von Körper-kontakt« werden. »Doch nicht etwa so, dass man das, was nicht sein kann, illusionär herbeigeredet würde. Nicht der Inhalt ist Ersatz für das Fehlende, sondern der körperliche Vorgang des Schreibens selbst.«
— Rudolf Käser. Die Schwierigkeit, ich zu sagen, Rhetorik der Selbstdarstellung in d. Texten des »Sturm und Drang«
Herder – Goethe – Lenz. Bern, 1987
Goethe bezeichnet es als »Händedruck«, eine Möglichkeit zur Ruhe zu kommen:
eine Vernachlässigung der Erzählung zugunsten des Augenblicks, ein Schriftstück, das sich Anreden erwehren kann, weil es durch seine Materialität allein die Kraft inne-hat, eine Zuwendung auf kommunikativer Ebene zu verkörpern. Eine Verschriftlichung des intensiven Augen-blicks, der einer Distanzreduzierung durch seine offensive Einführung, Einbindung und Anteilssuche des Lesers in ein Befindlichkeits-protokoll des vorherrschenden Ist-Zustands, des erlebenden Subjekts – eingegliedert in die situative Gegebenheit im Augenblick des Verfassers – weit näher kommt als ein bloßes Erzählen.
11.02.2011
»Es gilt jetzt, eine Gefangenschaft, die ich mir selbst eingebrockt habe, zu sprengen. Alles andere im Brief, vor allem über die Spanne von schlimmer Sinnlichkeit bis bösem Ekel.«
Die Wahrnehmung und Empfindung an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit ist immer relativ – nicht wiederholbar, unwiderbringlich »eingefroren« in die »Istzeit« des Moments, unmöglich zu archivieren, festzuhalten und in ihrer Wahrhaftigkeit wiederzugeben. Alles an Reflexion in dem Moment ist bloße verwaschene Erinnerung – bleibt ein Versuch, eine Bestrebung, ein Hineinversetzen in einen vergessenen, verflossenen Zustand, der durch die Aufar-beitung, durch den Versuch sich wieder hineinzuversetzen in die dort an diesem Ort, zu dieser Zeit vorherrschenden Stimmung, allein verschwommen – gleich einer unscharfen Brille – wiedergegeben werden kann.
Sozusagen ist der Brief die Erinnerung einer Erinnerung, einer erfahrenen Stimmung – einer Empfindung innerhalb eines Erlebens eines Moments an einem Ort zu einer bestimmten Zeit – die uns dazu veranlasst, als Auslöser fungiert, einen Arbeits- beziehungsweise Schreibprozess in Gang zu setzen.